C'est La Vie
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Vorführung: am 25.10.2013 um 20 Uhr

 

C'est La Vie - So sind wir, so ist das Leben

Frankreich 2009

Länge:

114 Minuten

Produktion:

Eric Altmeyer, Nicolas Altmeyer, Isabelle Grellat

Regie:

Rémi Bezançon

Buch:

Rémi Bezançon

Kamera:

Antoine Monod

Musik:

Sinclair

Schnitt:

Sophie Reine

Darsteller:

Jacques Gamblin (Robert), Zabou Breitman (Marie-Jeanne), Déborah François (Fleur), Marc-André Grondin (Raphaël), Pio Marmaï (Albert), Roger Dumas (Pierre), Cécile Cassel (Prune), Stanley Weber (Eric), Sarah Cohen-Hadria (Clara), Camille De Pazzis (Moïra)

Kurzkritik

Episodisch erzählte Erlebnisse einer fünfköpfigen französischen Familie zwischen den Jahren 1988 und 2000, innerhalb derer jedes Mitglied an einen entscheidenden Wendepunkt gerät. Der Film beleuchtet Familienstrukturen, insbesondere die Eltern-Kind-Beziehung, das Neben- und Miteinander, Höhen und Tiefen, Geheimnisse und gegenseitige Solidarität. Die alltäglichen Geschichten von Glücksmomenten und tragischen Ereignissen wie dem Auszug der Kinder, ihrem Rebellentum und den Krisen der Eltern bis hin zum Tod verdichten sich zu einem atmosphärischen Porträt mit vielen humorvollen Passagen und brillanten Dialogen. - Sehenswert ab 14.

Kritik nach flim-dienst 9/2009

Die Unsitte, französische Filmtitel nicht zu übersetzen, sondern sie auf Teufel komm’ raus mit falschen Anleihen ins Deutsche zu übertragen, ist offenbar nicht auszurotten. Im Falle von „Le premier jour du reste de la vie“ („Der erste Tag vom Rest deines Lebens“) sagt der Originaltitel sehr schön, worum es geht: um einen prägnanten Tag im Leben, der alles verändert. Für jedes der fünf Mitglieder der Familie Duval ist dieser Tag ein anderer; insgesamt umfasst der Film die Zeit zwischen 1988 und 2000. Dieses Fenster gibt die Atmosphäre der einfühlsamen Mini-Familienchronik vor, mit der sich wohl jeder identifizieren kann, der diese Jahre noch in Erinnerung oder vielleicht Ähnliches erlebt hat.

Der erste, der aus dem Familienleben ausbricht, ist Albert, 1988 gerade 20 Jahre alt. Er ist der älteste Sohn der Familie und studiert Medizin. Albert will seine Freiheit, eine sturmfreie Bude und den Eltern nicht länger vor dem Essen die Hände vorzeigen müssen. Er zieht in ein kleines Dachzimmer im Haus seines Großvaters – und lernt prompt die Liebe seines Lebens kennen. Doch am Tag des Umzugs holen ihn die Erinnerungen ein, an die gemeinsamen Fernsehabende mit dem drei Jahre jüngeren Bruder Raphaël und ihren Lieblingsfilm „Die glorreichen Sieben“, dessen Dialoge sie auswendig konnten. Für Alberts Schwester Fleur ist der besondere Tag ihr 16. Geburtstag. 1993 beschließt sie, endlich mit einem Jungen zu schlafen. Natürlich geht das nicht so glücklich über die Bühne wie erhofft. Er will hinterher nichts mehr von ihr wissen, und die liebliche Fleur mutiert fortan zum radikalen Punk; innerlich bleibt sie aber das zerbrechliche Wesen von früher, das seine wahren Gedanken nur dem Tagebuch anvertraut. Raphaël hingegen schätzt das Hotel Mama und denkt gar nicht daran, selbstständig zu werden. Beim Luftgitarrenwettbewerb 1996 aber kommt er seinem Vater zum ersten Mal näher und sieht auch die Frau seines Lebens – um aus Schusseligkeit gleich wieder ihre Telefonnummer zu verlieren. Mutter Marie-Jeanne ist eine typische Glucke, die nicht wahrhaben will, dass sie über 50 ist. 1998 aber beschließt sie zu studieren und zu fotografieren und jene Freiheiten nachzuholen, die sich ihre Kinder schon länger nehmen. Für den Vater ist jener Tag im Mai 2000 der Horror schlechthin, erfährt er doch, dass er unheilbar krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. In diese fünf exemplarischen Tage sind noch andere Ereignisse hineingepackt, wie der Tod des Großvaters, oder Raphaëls Lehrstunden bei Opa, einem ehemaligen Weingutbesitzer, der ihn zum Sommelier ausbildet.

In Deutschland würde aus dieser Personen- und Ereigniskonstellation mit vielen Klischees vom Joint-Rauchen bis zur Midlife-Krise wahrscheinlich lediglich ein mittelmäßiger Fernsehfilm, in Frankreich aber schaffte der Nachwuchsregisseur Rémi Bezançon (Jahrgang 1971) mit seinem zweiten Spielfilm ein kleines Meisterwerk, das für neun „Césars“ nominiert war und drei Auszeichnungen (für Schnitt und die Nachwuchsdarsteller Déborah François als Fleur und Marc-André Grondin als Raphaël) gewann. Der Film ist von einer umwerfenden Natürlichkeit, wenn es darum geht, für die hochfliegenden Hoffnungen und die traurigen Realitäten stimmige Bilder zu finden. Bezançon hat seine Geschichten weder ernst noch traurig, sondern mit viel sanftem Humor, Einfühlungsvermögen und großer Liebe für seine Figuren geschrieben und inszeniert. Die verschachtelte Erzählstruktur mit Rückblenden auf verschiedene Zeit- und Personenebenen erhellt die Zusammenhänge. Immer wieder konzentriert er sich dabei auf Zwiegespräche, auf die Eltern-Kind-Beziehung und das familiäre Erbe und rückt damit die Figuren und die Zuschauer so eng zusammen, dass eine ungewohnte Vertrautheit und Intimität entsteht, in den glücklichen Momenten und auch in jenen, die den Kontrast zur „Maschine Familie“ deutlich machen. Der sorgsam wiedergegebene Zeitgeist, vor allem durch die Musik, sowie die guten Darsteller, allen voran Zabou Breitman und Jacques Gamblin als Elternpaar, tun ein Übriges, um aus dem Alltäglichen etwas Besonderes zu machen: einen anrührenden, nachdenklichen Film über das Leben, der fast an die Qualität des doppelt so langen, aber deutlich politischeren italienischen Pendants „Die besten Jahre“ von Marco Tulli Giordano aus dem Jahre 2000 heranreicht.

Andrea Dittgen