Sterben für Anfänger
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Vorführung: am 27.09.2013 um 20 Uhr

 

Sterben für Anfänger

USA/Großbritannien/Deutschland, 2007

Komödie

Länge:

91 Minuten

Produktion:

Sidney Kimmel, Laurence Malkin, Diana Phillips, Share Stallings, Josh Kesselman, Alex Lewis, Bruce Webb

Regie:

Frank Oz

Buch:

Dean Craig

Kamera:

Oliver Curtis

Musik:

Murray Gold

Schnitt:

Beverley Mills

Darsteller:

Matthew MacFadyen (Daniel), Rupert Graves (Robert), Peter Dinklage (Peter), Daisy Donovan (Martha), Alan Tudyk (Simon), Kris Marshall (Troy), Jane Asher (Sandra), Ewen Bremner (Justin), Peter Egan (Victor), Peter Vaughan (Onkel Alfie), Keeley Hawes (Jane)

Kurzkritik

Die Trauerfeier für das Familienoberhaupt, deren Organisation auf den Schultern des ältesten Sohnes ruht, entwickelt sich zu einer Aneinanderreihung von Pannen und peinlichen Enthüllungen. Die durchtriebene Komödie entwirft das Bild einer britischen Zweiklassengesellschaft von Exzentrikern und Spießern, wobei sie ihre schwarzhumorigen Pointen wohldosiert. Dank überzeugender Darsteller und der geschickten Regie umschifft der Film geschickt die Untiefen des Drehbuchs. - Ab 14.

Kritik nach flim-dienst 15/2007

Humor entsteht nach Schopenhauers berühmtem Diktum durch die plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen Idee und realem Objekt. Beerdigungen sind dabei der denkbar unpassendste Anlass zum Lachen – nur lässt sich die Zwerchfellkontraktion gerade dort nicht immer unterdrücken. Die Fallhöhe zwischen erhabener Trauer und lächerlicher Absurdität kann dramatische Ausmaße annehmen, so auf der pannenreichen Beerdigungszeremonie, die den szenischen Rahmen für Frank Oz’ Filmgroteske abgibt. Die falsche Leiche im Sarg bildet nur das erste Glied einer Kausalkette von Peinlichkeiten, die eine Trauergesellschaft gründlich aufmischt und schließlich zu unerwarteten Enthüllungen hinsichtlich des Verblichenen führt. „Sterben für Anfänger“ ist eine kleine, sehr gelungene Filmkomödie, in der die schwarzhumorigen Pointen trefflich dosiert sind. Die Geschichte spielt – selbstredend – in England, wo der Kontrast zwischen steifem Zeremoniell und atemberaubenden Tabuverletzungen landestypische Authentizität besitzt.

Man trauert um das Familienoberhaupt. Die Feier findet im erweiterten Familienkreis statt, auf dem Grundstück des Verstorbenen. Der Rasen ist makellos gepflegt; im Wohnzimmer der mit Efeu umrankten Villa werden Sandwiches und Tränchen verdrückt. Während sich das allgemeine Mitgefühl auf die trauernde Witwe konzentriert, ruht die administrative Verantwortung auf dem älteren Sohn Daniel. Er ist die zunehmend nervös werdende Zentralfigur im Strudel der Ereignisse. Innerfamiliäres Konfliktpotenzial resultiert bereits durch Daniels großspurig aus New York angereisten Bruder Robert, der sich trotz seiner Schriftsteller-Bilderbuchkarriere weder als Trauerredner noch mit einer Geldspende an den Anstrengungen seines finanziell klammen Bruders beteiligen will. Doch für den um Korrektheit bemühten Daniel geht ohnehin alles schief, was das schadenfrohe Zuschauerherz begehrt (und hier nur grob skizziert werden kann): ein junger, versehentlich mit Halluzinogenen vollgepumpter Gast droht die Feier zu sprengen, indem er splitternackt schwadronierend aufs Hausdach klettert. Viel schlimmer noch: Ein kleinwüchsiger Unbekannter entpuppt sich als Liebhaber des Toten, der pikante Dokumente der heimlichen schwulen Affäre unter die feinen Leute bringen will, falls ihm Daniel keine „Abfindung“ zu zahlen bereit ist. Kurzerhand wird er in das Arbeitszimmer gesperrt. Als der gefesselte und geknebelte Störenfried nach einem unglücklichen Kopfsprung in einen Glastisch leblos aufgefunden wird (eine Reverenz an David Lynchs „Lost Highway“), kommt Daniel und Robert die fatale Idee, den vermeintlich toten Störenfried zum Vater in den Sarg zu legen. Klappe zu. Affäre erledigt? Natürlich nicht.

Frank Oz ist nicht nur ein begnadeter Puppenspieler: als „Seele“ von Miss Piggy, Fozzie-Bär oder von Yoda, dem Jedi-Meister der „Star Wars“-Saga, hat er sich bleibenden Ruhm erworben. Vielmehr erweist sich Oz erneut als der richtige Animateur für ein Drehbuch, das in weniger geschickten Händen leicht zur nervtötend zappligen Klamotte hätte geraten können. Mit den Turbulenzen um den homosexuellen Kleinwüchsigen hat Drehbuch-Debütant Dean Craig einen ziemlichen Stolperstein ausgelegt (doppelte Randgruppenzugehörigkeit), über den Oz und sein sympathischer Darsteller Peter Dinklage mit würdigem Understatement hinweggehen.

„Sterben für Anfänger“ entwirft ein interessantes Bild einer Zweiklassengesellschaft aus Exzentrikern und Spießern, weil nie klar ist, wer zu welcher Fraktion gehört. Aus der tadellosen Darstellerriege sei Alan Tudyk als Vorzeigeverlobter von Daniels Cousine hervorgehoben, der im urkomischen Drogendelirium überraschend empfindsame Wesenszüge zeigt. Und Matthew MacFadyen überzeugt als leidgeprüfter, aber improvisationsfähiger Daniel mit subtilem Mienenspiel. Man glaubt dem absolut loyalen Sohn jedes Wort, wenn es ihm im Finale gelingt, die erhitzten Gemüter der Trauergesellschaft mit einer flammenden Würdigung des Toten zu beruhigen: „My father was an exceptional man“, resümmiert Daniel am Schluss. Und hat so oder so wahrscheinlich nicht ganz unrecht damit.

Jens Hinrichsen