Home 
Spielplan 
Infos 
Galerie 
Newsletter 
Kontakt 
Impressum 

 

Quartett Großbritannien/Deutschland, 2012


  • Länge: 98 Minuten
  • Produktion: Finola Dwyer, Stewart MacKinnon
  • Regie: Dustin Hoffman
  • Buch&Vorlage: Ronald Harwood
  • Kamera: John de Borman
  • Musik: Dario Marianelli
  • Schnitt: Barney Pilling
  • Darsteller: Maggie Smith, Tom Courtenay, Billy Connolly, Pauline Collins, Michael Gambon, Sheridan Smith, Trevor Peacock, Andrew Sachs, Luke Newberry


Meinung des Kritikers:

Sie werden immer mehr, und doch bekommt man sie kaum zu sehen: Eher selten zeigen sich Vertreter der Generation 70+ in der Öffentlichkeit, vom Kinosaal ganz zu schweigen. Der jahrzehntelange Trend, sich ab einem gewissen Alter in der Isolation des eigenen Wohnzimmers dem Fernsehprogramm zu ergeben, lebt fort - und der Kinoindustrie bleibt das Rätseln: Liegt es an der Vermittlungsform, den Inhalten oder an fehlenden Identifikationsfiguren? Andreas Dresens Drama "Wolke 9" über Liebe und Sex im Alter oder die britische Senioren-Exil-Komödie "The Best Exotic Marigold Hotel" waren Ausnahmeerscheinungen. Die Zuschauer waren dennoch deutlich jünger als die Protagonisten beider Filme. Kurz gesagt: Die Alterspyramide wird unten immer dicker, die Tasten auf den Handys werden größer, aber die Kinobesucher bleiben gleich alt.

Mit "Quartett" scheint nun die Filmwelt einen gezielten Vorstoß in Richtung Rentner zu wagen - wenn auch eher "agil" als mit Verve. Dustin Hoffman, selbst mit gestandenen 75 Jahren eigentlich schon Ruhestand-verdächtig, hat sich dafür zum ersten Mal allein hinter die Kamera begeben und lässt fünf bekannte britische Schauspielkollegen, ebenfalls alle über 70, in einer Seniorenresidenz für altgediente Musiker aufeinander treffen. Hier wird in satten Farben der Lebensabend zelebriert und fleißig für das anstehende Giuseppe-Verdi-Jubiläum geprobt. Angelehnt ist der vornehme Altersruhesitz "Beecham House" an das, was der italienische Komponist selbst als sein bestes Werk bezeichnet haben soll: die von ihm gestiftete Mailänder "Casa Verdi" für Opernsänger und Orchestermusiker im Ruhestand.

Ruhe könnte eigentlich auch im englischen Beecham herrschen, würden die Bewohner nicht von den Finanzierungssorgen ihres Heims und den Eskapaden einer wahren Diva heimgesucht. Diese dringt in Gestalt der Sopranistin Jean Horton in Beecham und damit auch ins Leben des sensiblen Reggie ein, der sich seine letzten Jahre ohne die Konfrontation mit seiner großen Liebe vorgestellt hat. Vor Jahrzehnten verließ ihn Jean, verzeihen konnte er ihr das bis heute nicht. Dieses gescheiterte Pärchen mit "begrenzter" Zukunftsaussicht sowie der Lustgreis Wilf und die vergessliche Cissy wollen beim jährlichen Gala-Abend Verdis "Rigoletto"-Oper intonieren. Mit der Schallplattenaufnahme schrieben die stimmgewaltigen Vier einst Musikgeschichte. Doch nun ist Jean hinsichtlich des "verwegenen" Auftritts ebenso störrisch wie ihr immer noch gekränkter Ex-Mann bezüglich seiner Gefühle - und das glücklicherweise, sonst wäre "Quartett" nicht nur ein Film über den Ruhestand geworden, sondern hätte sich gleich selbst aufs Altengleis manövriert.

Sanft begleiten einen Verdis Klänge mit den friedlichen Kamerafahrten durch marmorne Hallen und barock eingerichtete Räume, in denen die Bewohner schrullig bis rührend ihrer großen Liebe, der Musik, frönen. Kultiviert trinkt man ein Tässchen Tee, schlendert durch die getrimmte Landschaft und spielt eine Runde Croquet. Hoffmann, der sich als Schauspieler wahrscheinlich selbst oft mehr Präsenz und Ruhe von Seiten der Kamera gewünscht hat, gibt seinen Figuren dabei viel Raum: Geduldig, fast schon liebevoll fängt er die kleinen Marotten im "entfalteten" Mienenspiel seines erfahrenen Ensembles ein - bis der Nachspann all die Laiendarsteller aufzählt, die als junge Menschen tatsächlich nicht in der Film-, sondern in der Musik-Welt Karriere machten. Das ist als Hommage an eine andere Kunstform ein schöner Einfall. Letztendlich fällt er im Vergleich zu der vor sich hinplätschernden Handlung dramaturgisch allerdings auch nicht mehr ins Gewicht. Und das verwundert, schließlich stammt die Vorlage von Ronald Harwood, der hier nicht nur sein eigenes Bühnenstück auf die Leinwand übersetzte, sondern bereits Drehbücher zu Meisterwerken wie "Schmetterling und Taucherglocke" oder "Der Pianist" adaptierte. Von Drama ist in "Quartett" allerdings kein Quäntchen übrig geblieben: "Willkommen im Senioren-Paradies Beecham", scheint als Banner über diesem heiter bis leicht affektierten Hohelied auf die Unsterblichkeit von Musik und Liebe zu schweben.

Kathrin Häger, FILMDIENST 2013/2





Copyright(c) 2007 Filmklub Lauffen. Alle Rechte vorbehalten.
webmaster@filmklub.de