Life of Pi
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Vorführung: am 22.11.2013 um 20 Uhr

 

Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger

USA 2012

Länge:

127 Minuten

Produktion:

Ang Lee, Gil Netter, David Womark, David Lee

Regie:

Ang Lee

Buch:

David Magee

Kamera:

Claudio Miranda

Musik:

Mychael Danna

Schnitt:

Tim Squyres

Darsteller:

Suraj Sharma (Pi Patel mit 17), Irrfan Khan (Pi als Erwachsener), Tabu (Gita Patel), Rafe Spall (Schriftsteller), Gérard Depardieu (Koch), Ayush Tandon (Pi mit 11/12), Gautam Belur (Pi mit 5)

   

Auszeichnungen:

Ang Lee, Oscar 2013, Beste Regie

Claudio Miranda, Oscar 2013, Beste Kamera

Mychael Danna, Oscar 2013, Beste Filmmusik

Bill Westenhofer, Oscar 2013, Beste Spezialeffekte

Guillaume Rocheron, Oscar 2013, Beste Spezialeffekte

Erik Jan De Boer, Oscar 2013, Beste Spezialeffekte

Donald R. Elliott, Oscar 2013, Beste Spezialeffekte

Kurzkritik

Ein indischer Zoodirektor wandert nach politischen Unruhen per Schiff mit seiner Familie und einigen Tieren Richtung Kanada aus, doch unterwegs sinkt das Schiff. Nur der 17-jährige Sohn überlebt und findet sich in einem Rettungsboot mit einem Tiger wieder: eine nervenzerrende Schicksalsgemeinschaft, die eine lange Irrfahrt auf dem Meer vor sich hat. Als erzählerisch wie visuell beeindruckendes Kinoerlebnis verbindet der Film die fulminante Abenteuergeschichte mit der Frage nach der Existenz Gottes. Ein in atemberaubenden Bildern verdichtetes, mitreißendes Drama. - Sehenswert ab 14.

Kritik nach flim-dienst Nr. 41451

Unter einem Bettlaken hockt ein kleiner Junge wie in einem leuchtenden Zelt. Es ist Nacht. Während seine Familie schläft, richtet er seine Taschenlampe auf einen Comic. In der Geschichte aus dem indischen Mahabharata-Epos entdeckt die Ziehmutter des kindlichen Krishna, dass im Mund des kleinen Gottes das ganze Universum steckt. Man sieht die flache Comiczeichnung von Planeten und Galaxien, die sich vor unseren Augen in eine kitschige 3D-Animation verwandelt.

Tele-Einstellungen erinnern an hintereinander gestaffelte Theaterprospekte, ein Effekt, den Claudio Miranda in der Vorspannsequenz geschickt nutzt, wenn wie in einem Diorama die Künstlichkeit eines Zoos im indischen Pondicherry enthüllt wird. Es sind Trugbilder eines paradiesischen Bunds zwischen Mensch und Tier. Das muss auch Pi erfahren, der jüngere Sohn des Zoodirektors. Sein Vater erteilt dem naiven Jungen eine Lektion am Tigerkäfig. Fortan ist der heranwachsende Protagonist innerlich gespalten: Kann die reißende Bestie eine Seele besitzen? Als politische Unruhen das Land erfassen, beschließt die Familie auszuwandern. Nicht alle Tiere lassen sich verkaufen, daher wird ein Teil des Zoos auf das Frachtschiff nach Kanada verladen. Bei einem Sturm im Pazifik geht das Schiff aber unter. „Es gab einen Ton von sich wie ein riesiges metallisches Rülpsen. Sachen blubberten an der Oberfläche, dann verschwanden sie. Alles brüllte: der Wind, die See, mein Herz“, schreibt Yann Martel in seinem Roman „Schiffbruch mit Tiger“.

Die Filmadaption belegt einmal mehr die Vielseitigkeit des taiwanesischen Regisseurs Ang Lee, dessen Drang, sich (auch was das Genre betrifft) nicht zu wiederholen, an klassische „auteurs“ wie Howard Hawks oder John Huston erinnert. Hier wie dort führt das indes nicht zu motivischer Beliebigkeit. Das Gefühl des Eingesperrtseins in Konventionen oder politische Systeme, der Rückzug in (Natur-)Räume, die nur Zuflucht, aber keine Erlösung bringen, prägt Lees Martial-Arts-Filme ebenso wie seine Dramen, etwa „Der Eissturm“ oder „Brokeback Mountain“.

Der Wunsch nach Befreiung ist auch Thema des neuen Films, wobei die Zweifel des Jungen an seinem hinduistischen Hintergrund, an religiösen Traditionen überhaupt, von Regie und Drehbuch gegenüber dem Roman stärker herausgearbeitet werden. Am Ende einer 227 Tage währenden Irrfahrt auf offener See steht eine Art vorläufiger Gottesbeweis: Zwei Überlebensberichte sind möglich, ein realistischer und ein fantastischer; in beiden Fällen geht das Schiff unter, beide Male kommt Pis Familie ums Leben, während der 17-Jährige über Wasser bleibt. „Welches ist die bessere Geschichte, die mit den Tieren oder die ohne Tiere?“, fragt der Gerettete zwei Ermittler des japanischen Verkehrsministeriums. „Die mit den Tieren.“ „Danke“, entgegnet Pi, „und genauso ist es mit Gott.“
Die „Geschichte mit den Tieren“ steht im Zentrum des Buchs und seiner Verfilmung. Auf dem Rettungsboot findet sich Pi mit einer Ratte, einem Orang-Utan-Weibchen, einer Hyäne und einem Zebra wieder. Da kommt der Tiger angeschwommen, was dazu führt, dass der Junge bald nur noch seinem „Angsttier“ gegenüber sitzt. Die Computersimulation ist zwischenzeitlich so fortgeschritten, dass die dramatischen Ereignisse in der Nussschale überaus echt wirken. Atemberaubend sind bereits die Szenen vom Schiffsuntergang, vor allem ist es eine Plansequenz im Hexenkessel der schäumenden See voller Raubfische, mittendrin der Jugendliche unter Wasser, der den Frachter steil in die Tiefe sinken sieht. James Cameron („Titanic“) dürfte rasen vor Neid.
Für Augenlust sorgen auch die 1001 Wunder der Meere, darunter ein leuchtender Quallenschwarm, fliegende Fische, ein Wal und eine seltsame Insel, die sich nachts in ein Menschen- und Tierfleisch fressendes Ungeheuer verwandelt. Auch im mal nervenzerfetzenden, mal bedrohlichen entschleunigten Duell zwischen Mensch und Tiger gibt es kaum Momente, in denen Pi sich seinem hungrigen Leidensgenossen nähern kann. Mit der Hilfe eines Rettungsrings, mit Seilen, Holzstöcken und einer Abdeckplane meistert Ang Lee die Aufgabe, den Status quo der Hauptfiguren über weite Erzählstrecken aufrechtzuerhalten. Ebenso großartig ist Lees Kunst, die Kernfrage nach der Seele im Tier und damit nach der Existenz Gottes bis zum Nachspann in der Schwebe zu halten.

Jens Hinrichsen