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Interstellar

USA/Großbritannien, 2014 - Drama/Science-Fiction


  • Prod.-firma: Lynda Obst Prod./Syncopy/Paramount Pictures/Warner Bros. Pictures
  • Länge: 169 Minuten
  • FSK: ab 12
  • Produktion: Emma Thomas, Christopher Nolan, Lynda Obst
  • Regie: Christopher Nolan
  • Buch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
  • Kamera: Hoyte van Hoytema
  • Musik: Hans Zimmer
  • Schnitt: Lee Smith
  • Darsteller: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Ellen Burstyn, Michael Caine, Wes Bentley, Casey Affleck, David Gyasi, Mackenzie Foy, William Devane, Matt Damon, Topher Grace


Auszeichnungen:
  • Paul J. Franklin, Oscar 2015, Beste Spezialeffekte
  • Andrew Lockley, Oscar 2015, Beste Spezialeffekte
  • Ian Hunter, Oscar 2015, Beste Spezialeffekte
  • Scott R. Fisher, Oscar 2015, Beste Spezialeffekte

Kurzkritik:

In einer Zukunft, in der die Menschheit auf der maroden Erde keine weitere Lebensgrundlage mehr hat, beobachtet ein einstiger Pilot und jetziger Farmer mit seiner aufgeweckten Tochter rätselhafte Bewegungen, als ob Geister mit binären Codes oder Morsezeichen Warnungen aussprechen würden. Als ihn die NASA gemeinsam mit einem Team ins All schickt, um einen neuen bewohnbaren Planeten zu suchen, ahnt er nicht, dass ihn seine Reise genau zu dieser Aussgangsituation zurückführen wird. Eine komplexe, virtuos gestaltete Weltraum-Oper um Wurmlöcher, Zeitreise-Paradoxien und die Botschaft, dass es eine Symbiose aus Emotion und Kognition, Glaube und Wissenschaft geben kann. Die audiovisuelle Wucht des Films wird dabei stets durch plausible zwischenmenschliche Dramen geerdet.


Meinung des Kritikers:

Hier stimmt etwas grundsätzlich nicht mit der Welt. Die üppigen Maisfelder, die Farmer-Idylle: alles fault gleich unter der Oberfläche. Mehltau ist dabei, auch die letzten Ernten zu vernichten und den Menschen den Sauerstoff zu rauben. Die Gesellschaft wehrt sich machtlos gegen den Sturz in den Abgrund, indem sie rigoros Prioritäten setzt: »Wir brauchen keine Studenten, wir brauchen Farmer, die den Menschen Nahrung geben«, sagen die Lehrer zu dem einstigen Piloten und jetzigen Farmer Cooper, als sie seinem Sohn den Zugang zur Universität verwehren. Überhaupt solle er aufhören, seiner kleinen Tochter Murph von den Errungenschaften der US-Raumfahrt zu erzählen. Der Traum von der Erforschung des Weltraums erscheint der Lehrerin als Hybris angesichts der irdischen Probleme. Cooper hält dagegen: »Wir waren schon immer Pioniere, Entdecker.«

In »Interstellar« befinden wir uns in einer Zukunft, die undenkbar und trotzdem sehr greifbar scheint. Während draußen Endzeitstimmung herrscht, beschäftigen drinnen in der Farm der Coopers seltsame Erscheinungen die aufgeweckte Murph: rätselhafte Bewegungen im Bücherregal im Kinderzimmer, als ob Geister mit binären Codes oder Morsezeichen Warnungen aussprechen würden. Zusammen mit seiner Tochter folgt Cooper einem der geisterhaften Hinweise und stößt auf ein abgeriegeltes Areal und die Überreste der NASA. Dort weihen ihn der leitende Wissenschaftler und sein Team in ein Projekt ein, das es der bedrohten Menschheit ermöglichen soll, die Erde zu verlassen und ein neues Zuhause in den Tiefen des Weltalls zu finden. Für alle?

Einer von den Astronauten, die auf diese Mission geschickt werden, wird Cooper sein. Er wird seine Familie verlassen, eine untröstliche Murph zurücklassen und durch ein Wurmloch am Saturn in eine andere Galaxis reisen. Dort könnten möglicherweise bewohnbare Planeten sein, wie die Forscher einer früheren Mission herausgefunden haben.

»Interstellar« ist eine »Major Tom«-Elegie um einen Helden, der bei seiner Reise ins All nicht nur räumliche Grenzen ins Unbekannte überschreiten muss, sondern auch an existenzielle Grenzen stößt: zwischen Leben und Tod, zwischen Physik und Metaphysik. »Ground Control« ist dabei kein Hort der Sicherheit. Science-Fiction-Romantik ist in Christopher Nolans grimmiger Endzeit-Dystopie völlig fehl am Platz. Und doch ist »Interstellar« beseelt von ihr: in der Bildgewalt, mit der Nolan die Welten, die Cooper und sein Team erkunden, auf die Leinwand bannt. Oder in den Figurenkonzepten: Es gibt die klassische Mentor-Figur in Form des Leiters des NASA-Programms; es gibt dessen Tochter Brand, die den impulsiven Cooper ins All begleitet und gleichsam erdet; und es gibt Coopers Tochter Murph, die einer Lichtgestalt gleich den Geschicken der Menschheit auf der Erde den entscheidenden Impuls geben wird. Nolan gibt ihnen viel Zeit, um Loyalitäten zu testen, im All oder im irdischen Elend ums Überleben zu kämpfen und am Rand von Schwarzen Löchern die erzählte und erlebte Zeit zu dehnen oder zu verdichten, während die Montage über Zeit und Raum hinweg die Schicksale und Erzählfäden zusammenhält.

Man kann »Interstellar« in eine Reihe mit »2001 Odyssee im Weltraum« stellen. Doch im Gegensatz zu Stanley Kubrick bleibt Nolan nicht andeutungsvoll vage in seinen wissenschaftlichen und philosophischen Konzepten. Angesichts der Thesen, die hier vertreten werden, ist das äußerst mutig. Doch so verwegen, virtuos und auch angreifbar das »schreckliche Märchen« bis zum wahrhaft abenteuerlichen Finale erzählt wird: Nolans Kino macht es glaubhaft.

»Interstellar« lebt von den präzise beobachteten zwischenmenschlichen Kleinigkeiten, die dem Film eine selten empfundene Emotionalität verleihen, gegen die die gigantischen Weltraum-Tableaus fast verblassen. Sie korrespondiert auf großartige Weise mit der Botschaft des Films, die den Schulterschluss zwischen Emotion und Kognition als Geheimnis wissenschaftlichen Fortschritts postuliert. Wenn wir am Ende alle wissen, dass nie Geister, sondern stets die Menschen ihre eigenen Geschicke leiten, dann ist die große Sternen-Oper plötzlich ganz klein, intim und fassbar.

Jörg Gerle, FILMDIENST 2014/23




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