Inception
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Vorführung: am 18.04.2013 und 19.04.2013 um 20 Uhr

 

Inception

USA, 2011

Actionfilm. USA/Großbritannien, 2010

Länge:

142 Minuten

Produktion:

Christopher Nolan, Emma Thomas, Jordan Goldberg

Regie:

Christopher Nolan

Buch:

Christopher Nolan

Kamera:

Wally Pfister

Musik:

Hans Zimmer

Schnitt:

Lee Smith

Darsteller:

Leonardo DiCaprio (Cobb), Ken Watanabe (Saito), Joseph Gordon-Levitt (Arthur), Marion Cotillard (Mal), Ellen Page (Ariadne), Tom Hardy (Eames), Cillian Murphy (Fischer), Tom Berenger (Browning), Michael Caine (Professor), Lukas Haas (Nash)

Auszeichnungen:

Oscar 2011

Beste Kamera: Wally Pfister
Beste Spezialeffekte: Pete Bebb, Chris Corbould, Paul J. Franklin, Andrew Lockley
Bester Ton: Laura Hirschberg, Ed Novick, Gary Rizzo
Bester Tonschnitt: Richard King

Kurzkritik

Ein Meisterdieb, der schlafenden Menschen ihre innersten Geheimnisse entwenden kann, soll während eines Flugs von Sydney nach Los Angeles das Umgekehrte versuchen und dem Erben eines Industrie-Imperiums die Idee einpflanzen, dass er aus eigenem Antrieb sein Unternehmen verkaufen wolle. Ein brillant konstruierter, streckenweise sehr actionbetonter Science-Fiction-Film voller komplexer Doppelbödigkeiten, der die Grenzen zwischen Träumen und Wünschen, Manipulation und Wirklichkeit aufhebt. Im Kern ein Melodram reinsten Wassers, gelingt ihm ein spektakulärer, von grandiosen Bildeinfällen befeuerter Spagat zwischen Kunst- und Kommerzkino. - Sehenswert ab 16.

Kritik nach flim-dienst

Der potenzielle Sommer-Blockbuster 2010 erzählt eine recht einfache Geschichte auf derart komplizierte und eindrucksvolle Art und Weise, dass man mehr als gespannt sein darf, ob die Rechnung an der Kinokasse aufgehen wird. Wiederholtes Sehen ist jedenfalls dringend angera-ten. Im Grunde handelt es sich bei „Inception“ um ein „Heist-Movie“: Es geht um den perfekten Diebstahl, nämlich den von immateriellen Dingen. Aufgrund einer speziellen Eignung (oder der Kombination von Spezialisierung und Apparatur) ist Dom Cobb mit seinem Team in der Lage, ins Unterbewusstsein von schlafenden Menschen einzudringen und dort mit Hilfe simulierter Traumlandschaften an Informationen zu gelangen. Eine moderne Form der Industriespionage, die allerdings dazu führt, dass Cobb nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, worunter er sehr leidet. Nach einem spektakulär gescheiterten Einsatz bekommt er einen neuen Auftrag: Cobb und sein Team sollen diesmal keine Ideen rauben, sondern vielmehr umgekehrt Informati-onen so geschickt in ein Hirn schleusen, dass sie dort wie dem eigenen Ich entsprungen scheinen. Inception statt Extraction. Ziel der Aktion ist, den Erben eines mächtigen Industrie-Imperiums dazu zu veranlassen, sein Unternehmen aufzulösen, um so Platz für die Konkurrenz zu schaffen.

Es ist also etwas vergleichsweise Banales, für das hier ein gewaltiger Aufwand getrieben wird. In einer ausgedehnten Exposition wird man mit wichtigen Grundregeln vertraut gemacht: Wenn man eigene Träume in fremde Träume implantieren will, muss man sich vorsehen. Woran merkt man etwa, dass man noch Herr der Inszenierung ist? Was ist mit Träumen in Träumen in Träu-men? Welche Paradoxien gilt es zu vermeiden, welche zu nutzen? Wie sieht es aus, wenn ein Traum platzt? Wie viele Ebenen besitzt das Unterbewusstsein des „Opfers“? Wie sind diese Ebenen miteinander vernetzt? Wie funktionieren die Scharniere zwischen den Ebenen? Wie kommt man wieder heraus? Wie kann man sicher sein, dass man aufgewacht ist und nicht nur den Traum gewechselt hat? Genussvoll, teilweise von spektakulären Bildeinfällen unterstützt – Paris wird zu einem Karton zusammengefaltet, aber der Verkehr fließt weiter; man wird Zeuge des wohl langsamsten Autounfalls der Filmgeschichte –, breitet Christopher Nolan sein Szenario aus – und hält doch entscheidende Informationen zurück.

Dann beginnt der Raubzug, der diesmal ein Geben ist. Ort der Handlung ist ein zehnstündiger Flug von Sydney nach Los Angeles. Die Dramaturgie des Films entwirft dabei einen mehrdi-mensionalen, vielfach verschränkten Raum mit unterschiedlichen Zeitlichkeiten. Der Filmema-cher wird zum Architekten, zum Taschenspieler, zum M.C. Escher-Epigonen, zum zuverlässig Unzuverlässigen, auf den man besser nicht bauen sollte. Nolan spielt zentrale Momente seiner früheren Filme mit einem Riesenbudget noch einmal durch und variiert sie. Hatte der Dieb in „Following“ nicht auch Dinge in der Wohnung seiner Opfer zurückgelassen, um neue, fiktive Erzählungen zu stiften? Hatte „Memento“ nicht auch mit fragmentarisch-repetitivem Erzählen experimentiert? Ging es in „Prestige – Meister der Magie“ nicht darum, das Wissen um die Ma-nipulation zu einer Art von Meta-Manipulation zu nutzen? Tatsächlich ringt der visionäre Ent-wurf von „Inception“ mehr Respekt ab als dessen Realisierung, deren Trivialität auf hohem Ni-veau doch etwas enttäuscht. Denn die Traumlandschaften, die hier erkundet werden, bieten be-kannte Bilder: Das Unterbewusste des betäubten Firmenerben ist wie konventionelles Actionki-no strukturiert, dessen Handlungsfolgen linear und plausibel verlaufen, wenngleich sich Nolan manchen „Butterfly“-Kalauer erlaubt: Was auf einer Ebene bloß ein Crash ist, kann auf der an-deren Ebene eine Lawine auslösen. So wird ein komplexes Handlungskonstrukt geradezu aufrei-zend mit Actionsequenzen angefüllt, von denen jede als Exposition eines beliebigen James-Bond-Films durchginge. Man kann das als Angebot ans Blockbuster-Publikum und seine Unter-haltungserwartungen sehen; man kann es aber auch als bösen Kommentar lesen, welche Wir-kungen dieses Blockbuster-Kino in menschlichen Unterbewussten zeitigt..

Interessanter ist eine weitere Doppelbödigkeit, die „Inception“ nutzt, ohne deren Potenzial voll auszuschöpfen: Wer sich in fremde Träume begibt, nimmt seine ganze Persönlichkeit dorthin mit, inklusive der eigenen Träume, Wünsche, Sehnsüchte, aber auch Traumatisierungen. Denn Cobb ist traumatisiert, weshalb er die Situation nicht unter Kontrolle hat. Er vermischt Auftrag und Privates, schließlich soll der „Inception“-Job ihn in die Lage versetzen, etwas wieder zu be-kommen, was er verloren glaubt: seine Liebe und seine Familie. Der Grundpfeiler des Films ist ein Melodram reinsten Wassers, eine große, eine eigene Welt schaffende Liebesgeschichte, die in Misstrauen und Depression mündet, weil ein Liebender in seiner Hybris zum Mittel der Ma-nipulation greift; aus bester Absicht, aber mit zerstörerischer Konsequenz. Man stelle sich vor, was für ein unübersichtlich-bizarres Gewusel aus Spiel und Gegenspiel entstanden wäre, wenn Nolan die Privilegien des Protagonisten in dieser Hinsicht aufgegeben hätte. So aber enttäuscht der Film an diesem Punkt, weil er sein Potenzial zwar andeutet, aber nicht einlöst. Andererseits sind es genau diese Zugeständnisse, die Nolan den eigenwilligen Spagat zwischen Arthouse- und Blockbuster-Kino erlauben: Man kann sich den Regisseur sehr gut als Filmwissenschaftler vorstellen, dem es um Optimierung des Verhältnisses von Konvention und Experiment geht, oh-ne den Kontakt zum Publikum zu verlieren. Immerhin ist ein Film über die Arbeit von Traumar-chitekten stets auch ein Film über das Kino – und wenn am Schluss die Handlungsebenen des Films wieder „eingerollt“ werden, streicht sich „Inception“ gewissermaßen selbst aus und ironi-siert das ganze Geballer. Wie jeder Film Nolans ist „Inception“ spannendes Genrekino und Ex-perimentallabor, in dem geforscht wird, wie weit sich die kausallogischen Sollbruchstellen des Erzählens treiben lassen.

Ulrich Kriest